Liebe Patientinnen und Patienten,

heute präsentieren wir Ihnen den dritten Teil unseres großen Parodontitis-Spezial. Etwas Zahnfleischbluten, das ist doch nicht schlimm, oder? Dr. Holger Seib, Zahnarzt aus Iserlohn und Vorsitzender der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe, erklärt, warum man auch auf die kleinsten Veränderungen im Mund schauen sollte.

 

"Wundfläche des entzündeten Zahnfleisches kann die Größe einer Handfläche erreichen"

 

Frage: Ein kräftiger Biss in einen knackigen Apfel, aber der Genuss wird durch einen leichten Schmerz und etwas Zahnfleischbluten getrübt. Dieses Phänomen kennen viele Deutsche. Dr. Seib, ein wenig Zahnfleischbluten, sollte man jetzt schon einen Zahnarzt aufsuchen?

 

Dr. Seib: Wer Veränderungen am Zahnfleisch bemerkt, sei es durch Rötungen, Zahnfleischbluten oder Zahnfleischrückgang, der sollte dies auf jeden Fall mit der Zahnärztin oder dem Zahnarzt seines Vertrauens abklären. Denn viele Erwachsene in Deutschland leiden unbemerkt an einer chronischen Entzündung von Zahnfleisch und Zahnhalteapparat, der sogenannten Parodontitis. Nach aktuellen Erkenntnissen sind rund 12 Millionen Erwachsene in Deutschland betroffen. Eine echte Volkskrankheit also.

 

Frage: Wenn so viele Deutsche an dieser Krankheit leiden, warum wird etwas Zahnfleischbluten dann so schnell unterschätzt?

 

Dr. Seib: Eine Parodontitis kann sich auch ganz langsam einschleichen. Sie verläuft anfangs oft völlig schmerzfrei, manchmal sogar über Jahre hinweg. Und viele Patientinnen und Patienten bringen einzelne leichte Symptome wie etwas Zahnfleischbluten nicht direkt in den Zusammenhang mit einer chronischen Erkrankung, und wer geht schon gerne zum Zahnarzt? Wenn man dann noch die Vorsorge beim Zahnarzt vernachlässigt, bei dem kann die Entzündung unerkannt und ungehemmt weiter voranschreiten. Dabei kann die gesamte Wundfläche des entzündeten Zahnfleisches die Größe einer Handfläche erreichen. Mit einer vergleichbar großen Wunde an Arm oder Bein, würde jeder Mensch sofort zum Arzt gehen.

 

Frage: Wie entsteht denn Parodontitis?

 

Dr. Seib: Alles beginnt mit einer Zahnfleischentzündung, verursacht durch bakterielle Beläge auf den Zähnen und in den Zahnzwischenräumen. Das Zahnfleisch ist dann rot, geschwollen und kann bluten. Die Bakterien vermehren sich und dringen in das Gewebe rund um den Zahn ein, Beläge verhärten sich und es entsteht Zahnstein. Bleibt die Entzündung unbehandelt, kann sich das Zahnfleisch vom Zahn lösen. Nun kann die Entzündung auf den Knochen übergehen und an den Zähnen entstehen sogenannte Taschen im Zahnfleisch vor allen Dingen zwischen den Zähnen. Mit einer speziellen Sonde prüfen Zahnärztinnen und Zahnärzte die Tiefe dieser Taschen. Sind diese 4 mm oder tiefer, spricht man von einer Parodontitis, einer chronischen Entzündung. Eine Parodontitis sollte immer behandelt werden, sie kann im schlimmsten Fall sogar zum Zahnverlust führen und damit nachhaltig die eigene Lebensqualität verschlechtern.

 

Frage: Kann Parodontitis also noch mehr auslösen, als nur Zahnfleischbluten?

 

Dr. Seib: Ja. Parodontitis kann auch Auswirkungen auf den gesamten Körper haben und steht in Zusammenhang mit einer Vielzahl von systemischen Erkrankungen, u. a. Diabetes, Herz-Kreislauf-Krankheiten oder Rheuma. Bei Schwangerschaften erhöht eine unbehandelte Parodontitis das Risiko für Fehlgeburten.

 

Frage: Und wie sieht es mit den Heilungschancen aus?

 

Dr. Seib: Die Behandlung einer Parodontitis ist sehr individuell. Sie hängt von der Schwere der Entzündung und dem Verhalten der Betroffenen selbst ab. Seit Juli 2021 können wir Parodontitis deutlich besser bekämpfen, denn seitdem gilt eine neue Behandlungsrichtlinie, die auch neue Kassenleistungen vorsieht und einen niedrigschwelligen Zugang zu Behandlungsmöglichkeiten bietet. Mit diesen Möglichkeiten können Zahnärztinnen und Zahnärzte die Mundhygienefähigkeit und Gesundheitskompetenz von Patientinnen und Patienten erhöhen, ihn tatkräftig unterstützen und aktiv in die Therapie einbinden.

 

Frage: Kann man Parodontitis auch vermeiden, haben Sie konkrete Tipps?

 

Dr. Seib: Wer durch eine gute Mundhygiene Beläge auf den Zähnen vermeidet, der schützt sich auch vor Parodontitis. Daher gilt: Unbedingt zweimal am Tag Zähneputzen und einmal täglich die Zahnzwischenräume mit Zahnseide oder Interdentalbürstchen säubern, denn dort findet vorwiegend der der gefährliche Knochenabbau statt. Die eigenen Pflegemaßnahmen sollten mindestens ein- bis zweimal jährlich, je nach Befund und zahnärztlicher Empfehlung gegebenenfalls auch häufiger, durch eine professionelle Zahnreinigung ergänzt werden. Dies kann man gut mit den regelmäßigen Kontrollterminen bei der Zahnärztin oder dem Zahnarzt des Vertrauens kombinieren.

Weitere Informationen finden Sie hier.
Mit freundlicher Genehmigung der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe

Scroll to Top
Call Now Button